Montag, 21. November 2011

Luigis Weg in ein gemütliches Zuhause



                    

        Enzo erzählt von Luigis abenteuerlichem Weg ins Natur- und Katzenhaus

Luigi ist ein Kater, wie ich. Er ist nur viel älter und rot getigert mit weißer Schwanzspitze.
Es geschah vor langer Zeit, da wurden drei kleine Kätzchen in einem Haus geboren, in dem eine Familie mit großen persönlichen Problemen wohnte. Das bedeutete, sie zankten und  schrieen den ganzen Tag und ab und zu schubsten und schlugen sie sich. Das war nicht nur für die Kinder furchtbar, die Katzen litten auch und so machten sie sich auf den Weg ein neues zu Hause zu finden. Zu Dritt marschierten sie los und schon nach kurzer Zeit fanden die beiden langhaarigen wunderschönen  Mädchen eine Ruhe und Zuwendung versprechende Unterkunft. Katerchen  war zu scheu sich den Menschen zu nähern.  Durch einen Fußtritt seines ewig schreienden ausrastenden  Futtergebers war sein Kiefer gebrochen, das Fressen beschwerlich und er konnte sein Maul nicht ganz schließen. Es schmerzte. Kam ein Mensch in seine Nähe, geriet er in Panik und seine Augen sprachen von der Angst vor weiteren Schlägen und Tritten. So wanderte er aus der kleinen Stadt hinaus. Es war Sommer und der Tisch für einen hungrigen Kater in der Feldflur reich gedeckt. Regnete es, fand er in einer kleinen Scheune Unterschlupf, in der schon  andere heimatlose Katzen gestrandet waren und ein freundlicher Mann täglich eine große Schale mit Milch füllte.  Es wurde Oktober, der erste kalte Wind strich über abgeerntete Felder. Katerchen war nun fünf Monate alt und ihm war anzusehen, wie groß und stark er einmal werden würde. In der Hierarchie der Scheunenkatzen stand er noch auf der untersten Ebene, aber das störte ihn nicht. Er dachte nie daran die Scheune und seine Kumpel zu verlassen. Aber es kam anders.
Nicht weit von der Scheune entfernt führte ein Spazierweg vorbei, der täglich von vielen Menschen genutzt wurde, ihre Hunde auszuführen. Die meisten fuhren mit dem Auto vor, öffneten die Tür, ihr Hund sprang heraus und rannte im Sauseschritt am Straßenrand entlang und der Mensch fuhr langsam mit dem Auto hinter ihm her. Hier und da gab es auch Menschen die sich darüber freuten mit ihrem Hund zu rennen, zu toben, Stöcke zu werfen und einfach gemeinsam Spaß zu haben. Und das ist die Stelle an der Katerchens Leben sich ändern sollte.
Luise ging mit ihrem kleinen schon etwas älteren, keiner Rasse zugehörenden mit Katzen und Vögeln aufgewachsenen Hund, einfach ein rundherum netter intelligenter schwarzhaariger Herr mit Namen Blacky, den Weg entlang. Sie nahmen sich viel Zeit. Wie jeden Morgen lief ihre  kleine Katze  Flecki hinter ihnen her, während die alten Kater zu Hause blieben und die Ruhe vor der allzu lebendigen Gefährtin genossen.
Es war ein herrlicher Herbsttag, Sonnenschein verwöhnte die Erde und ihre Bewohner und so liefen das Trio fröhlich immer weiter, bis sie den Bereich der eingezäunten Steinbrüche erreicht hatten.   
Was war das? Blacky spitzte die Ohren, Flecki wurde unruhig und versuchte einen Weg über, unter oder durch den Zaun zu finden und Luise nahm ein klägliches Miauen wahr. Sie war eine tatkräftige Frau, zögerte nicht lange, bat die Tiere am Zaun stehen zu bleiben und kletterte kurz entschlossen darüber. Am Rand des Steinbruchs stehend überschaute sie schnell die Situation, in die sich das kleine rote Katerchen gebracht hatte. Wahrscheinlich auf der Kaninchenjagd war er in den Steinbruch gerutscht, auf einem kleinen Vorsprung zum Stehen gekommen und nun wusste er nicht weiter. Zum Heraufklettern war die Wand zu steil und in die Tiefe wollte er auf keinen Fall. Wusste er doch nicht, dass es an anderer Stelle sogar Wege gab, die den LKWs ermöglichten den Steinbruch zu befahren. Luise sprach beruhigend auf ihn ein. Sie ahnte nicht, dass er keinem Menschen vertraute. Was konnte sie unternehmen, um den kleinen Kerl zu retten. Erst einmal bat sie ihn durchzuhalten. Sie würde ganz bestimmt zurück kommen und ihn aus dieser Falle befreien. Katerchen glaubte nichts, aber die Tiere am Zaun signalisierten ihm Zuversicht.
Bereits am frühen  Nachmittag hatte Luise all die Dinge organisiert, mit deren Hilfe sie glaubte Katerchen zu retten und sie belud ihr Auto mit Seil, Futter und einer Katzenfalle aus dem Tierheim. Ein netter Nachbar, zum Glück war er schon im Ruhestand, unterstützte sie bei der Aktion und wie sich jeder denken kann, sie hatte Erfolg.
Wir wissen nicht wie lange Katerchen schon auf dem Vorsprung saß, dass hatte er vor lauter Schreck selber vergessen und auch in späteren Jahren in Gesprächen mit uns jungen Katzen fiel ihm das nicht mehr ein.
Für uns ist nur wichtig, dass er die Falle betrat, die Luise mit Hilfe des Nachbarn und der Seile auf den Vorsprung herunter ließ. Er hatte soviel Hunger, dass er all sein Misstrauen beim Duft der Köstlichkeiten, die da vor ihm ausgebreitet waren, unterdrückte. Er saß in der Falle, wurde hochgezogen, starb fast vor Angst und beim Versuch ihn aus der Falle in einen Katzenkorb zu setzen biss, kratzte und fauchte er so heftig, dass Luise schnell die Falle schloss und ihn darin sitzen ließ.
Am Abend erwartete sie Gäste. Ihr könnt euch sicher denken, wer das war. Als Renate mit ihrem Mann eintraf hatte Katerchen sich immer noch nicht beruhigt, saß verschüchtert in einer Ecke des langen Käfigs und fraß nun auch nicht mehr. Die beiden sprachen mit ihm, bewunderten seine Schönheit, sein kuscheliges Fell und Katerchen spürte ihr Entsetzen über seinen gebrochenen Kiefer.
Im Laufe des Abends kam das Gespräch immer wieder auf  Luises Rettungsaktion zurück und traurig stellte sie fest, ich kann Katerchen nicht behalten. Ihr Mann war allergisch gegen rote Katzenhaare. Renates Mann winkte ab, wir haben mit unseren Tieren genug. Sie blieb still und Luise wollte am nächsten Morgen Katerchen schweren Herzens samt Falle ins Tierheim bringen. 
Auch das kam anders. Im Tierheim war die  Katzenseuche ausgebrochen und die Leiterin befürchtete, dass unser Katerchen zuwenig Widerstandskraft habe und sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen anstecken würde. Ob Luise ihn nicht behalten könnte, bis die Seuche unter Kontrolle gebracht wäre und Katerchen wieder aufgepäppelt sei. Und so stand wenig später die ratlose Luise vor Renates Haustür, Katerchen inzwischen mit Hilfe der erfahrenen Tierheim-Mitarbeiter und dicken Handschuhen  in einen Katzenkorb umgesetzt.
Warum soll ich es lange ausschmücken, Luigi zog zu Renate und ihrer Familie und der restlichen Katzenbande ein.
Der Begin ihrer gemeinsamen Zeit begann mit Aufregungen. Beim ersten Versuch den Korb zu öffnen verschwand Katerchen. „Nicht aufzufinden“ war der Kommentar der Familienmitglieder und Freunde der Kinder, die sich alle an der Suche beteiligt hatten. Renate glaubte nicht das ihr Schützling weit weg gelaufen sei und bat die anderen im Haus zu bleiben. Und sie täuschte sich nicht. Im Garten stand ein zweckentfremdeter Hühnerstall und dort im aufgestapelten Holz saß er, zog sich bei Renates Näherkommen sofort in einen Hohlraum zurück. Aber sie hatte ihn entdeckt und war beruhigt. Er war klug. Er würde die ihm in seiner neuen Familie gebotenen Annehmlichkeiten beim Anblick der anderen Katzen schon erkannt haben.
Eine ganze Woche verbrachte Katerchen in dem Holzstapel. Renate stellte ihm das Futter hin. Er fraß, wenn sie wieder im Haus war. Nachts freundete er sich mit den anderen Katzen an, erfuhr einiges über seine neuen Futtergeber und streckte nach einigen Tagen bereits erwartungsvoll seinen Kopf aus dem Holzstapel hervor und zeigte seine Freude über das ihm so liebevoll zusammen gestellte Futter. Und dann, an einem Sonntagmorgen, die Familie hatte länger geschlafen, die Katzen saßen erwartungsvoll in der Küche und hofften, der Tag würde endlich beginnen, öffnete sich ganz langsam und leise die Katzenklappe und Katerchens Gesicht erschien. Von der Katzenbande herzlich willkommen geheißen setzte er sich mit ihnen in die Runde und als Renate die Küche betrat sah es so aus, als wäre er immer schon bei ihnen gewesen.  Sein Leben lang blieb Katerchen misstrauisch und vorsichtig, aber der  Familie gehörte sein Vertrauen.
Natürlich dauerte es eine Weile bis er sich rundherum in seiner neuen Familie mit all ihren Stärken und Schwäche wohl fühlte und sein Misstrauen ganz ablegte. Da war der Schlagzeug spielende Sohn, der auch noch dem Klavier und der Gitarre für Katzenohren viel zu laute Geräusche entlockte. Aber da auch Oma, Opa und ihr Hund Nicky immer wieder betonten, sie fänden es schön,  wenn die Jugend musiziert und sie mussten schließlich auch dieses Getöse über sich ergehen lassen,  lernte er, seine Ohren zuzuklappen und den Lärm an sich vorbei ziehen zu lassen. Das war beim Gekicher und Geschnatter der Freundinnen der Tochter oft schwieriger. Schließlich wollte er schon wissen, worüber sie sprachen, auch wenn die Tonlage oft schwierig zu ertragen war, für ihn als Kater.
Es wurde Februar. Renate lief schon den ganzen Tag aufgedreht durchs Haus und die Katzen glaubten, der den ganzen Tag vom Himmel fallende Schnee wäre Schuld daran. Das konnten sie verstehen. Sie selber rannten immer wieder Schneeflocken haschend durch den Garten, verfolgten ihre eigene Spur  und tobten über den zugefrorenen Teich. Nur um sich aufzuwärmen gingen sie ins Haus, schliefen einen kurzen Schlaf und rannten wieder hinaus. Das Lieblingsspiel, und das sollte auch in schneefreien Tagen lange so bleiben, war
“Bäume wechseln“. Das lernte ich leider nicht mehr kennen, weil einer der dafür unbedingt gebrauchten Bäume diesem furchtbaren Sturm in einem Januar vor meiner Geburt zum Opfer fiel. Aber die anderen haben mir erzählt, wie viel Spaß es gemacht hatte den Walnussbaum heraufzuklettern, oben angekommen zu warten bis eine andere Katze in der Blumenesche saß,  um dann gleichzeitig loszurennen, in der Mitte des Rasens sich zuzublinzeln und blitzartig den anderen Baum hochzuklettern. Bis zum Umfallen wurde diese Spiel gespielt und die Katzen freuten sich immer wieder über die bewundernden Ausrufe der Familie.
Schon seit dem frühen Nachmittag durfte Katerchen, der jetzt Luigi hieß, nicht mitspielen. Er wurde in einem der wenigen Zimmern im Haus festgehalten, aus dem man als Katze ohne menschliche Hilfe nicht heraus kam. Gemein, sagten alle. Zu früh vertraut, dachte Luigi.
Es war schon dunkel. Nicky wurde zusammen mit Luigi ins Auto gesetzt und Renate fuhr mit ihnen davon und am allerschlimmsten war, sie kam ohne die beiden  zurück.
Später klärte sich natürlich alles auf. Renate fuhr am selben Abend noch einmal davon. Diesmal blieb sie viel länger weg und die Erleichterung der Katzen war groß als sie ihre Kumpel begrüßen konnten, die beide sehr eigenartig durch den Raum torkelten. Für Alkohol verabscheuende Wesen ein eigenartiges Verhalten. Nicky wurde freudig von Oma und Opa in Empfang genommen, und der für eine Katze ungewöhnlich nasse Luigi fiel auf seinen Lieblingsschlafplatz auf Renates Kuscheldecke und schlief auch sofort ein.
Was war mit ihnen geschehen? Auch hier ist die Erklärung wieder sehr einfach. Renate war mit ihnen beim Tierarzt und sie sind kastriert worden. Kaum aus der Narkose wach keimte Luigis altes Misstrauen wieder auf und er nahm die erste sich bietende Gelegenheit wahr davonzurennen. Und Renate rannte hinterher, sozusagen über Stock und Stein. Sie umrundete Hecken, Zäune, betrat fremde Gärten, immer Luigis weiße Schwanzspitze im Auge, der einzige Anhaltspunkt in der Dunkelheit, der Gefahr lief, sich im Schnee zu verlieren. Sie stand erschöpft und mutlos in einem Hauseingang, hatte gerade ein Holzlager umrundet, in der Annahme, Luigi hätte sich dahinter verborgen und nun fand sie ihn nicht mehr. Sie dachte an Nicky, der im kalten Auto lag und bestimmt fror. Da entdeckte sie in einer offenstehenden Garage wieder die weiße Schwanzspitze. Vorsichtig näherte sie sich dem Ausreißer, sah ihm fest in die Augen, sprach leise, beruhigende Worte, erzählte von den zu erwartenden schönen gemeinsamen Tagen und Luigi blieb stehen, erwiderte ihren Blick und ließ sich auf den Arm nehmen und widerstandslos zum Auto tragen und würde nie mehr Misstrauen gegenüber seiner Familie empfinden.
Im Oktober als unsere kleine Kitty starb, Luigis langjährige Freundin und Begleiterin in glücklichen Stunden, verlor er seine Lebensfreude und sein Kumpel Carlito, der beste aller Baumstürmer, konnte ihn nicht trösten. Luigi glaubt, wir Jungen hätten jetzt alles von ihm gelernt, was zu lernen ist und er will zu Kitty und all den anderen, die ihn in seinem Leben begleitet haben, ins Regenbogenland und er steht schon auf der Brücke, sieht Kitty und die anderen winken und sieht dann uns mit großen Augen an, lässt es zu, dass wir ihm zärtlich mit der Zunge über den Kopf streichen und wir sagen ihm, geh nur Luigi, geh ganz ruhig und warte auf uns, eines Tages kommen wir auch und bis dahin werden wir noch viel Erleben, Spaß haben und lachen, aber wir werden dich nie vergessen.




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